Fabrikarbeiterinnen

Station 9: Sofie Heidinger

19. Jahrhundert

Unweit von hier, in der Konviktstraße 37, lebte eine Frau, die um 1900 in einer der damals größten Fabriken Freiburgs – der Seidenfabrik Carl Mez & Söhne – arbeitete: die Mitte zwanzigjährige Sofie Heidinger. Sie stammte ursprünglich aus dem nahegelegenen Elzach. Damit steht Sofie Heidinger stellvertretend für unzählige Fabrikarbeiterinnen, die im 19. Jahrhundert vom Land in die Städte gingen, um dort Arbeit zu finden und die häufig in der Textilindustrie arbeiteten. Eine erste Anlaufstelle bot sich den jungen Frauen früher hier, in der Adelhauser Straße, in der "Herberge zur Heimat". Sie befand sich seit den 1890er Jahren im heutigen "Wichernhaus".

Auch die Seidenzwirnerei, in der Sofie Heidinger um 1900 arbeitete, verfügte über eine Unterkunft für ledige Arbeiterinnen der Fabrik. Die Firma Mez gehörte im 19. Jahrhundert neben der Risler'schen Porzellanknopffabrik zu den größten industriellen Produktionsstätten Freiburgs. Eine Postkarte aus dem Jahr 1904 zeigt das Fabrikgelände, das sich östlich von hier, am Gewerbekanal zwischen Schlossberg und Kartäuserstraße, befand.

Freiburg Stadtplan
Im Stadtplan sind markiert: die „Herberge zur Heimat“, die Wohnung Sofie Heidingers in der Konviktstraße und das Betriebsgelände der Firma Mez (Karte: Stadtplan Freiburg 1931, Ausschnitt, gemeinfrei)
Altes Fabrikgebäude
Fabrikanlagen der Firma Carl Mez & Söhne (Postkarte, 1904) (Bild: © Archiv Manfred Gallo | Alle Rechte vorbehalten)
Junges Mädchen arbeitet
Ein zwölfjähriges Mädchen in einer Baumwollspinnerei (1908) (Foto: Lewis W. Hine, gemeinfrei)

Sofie Heidinger arbeitete, wie andere Beschäftigte der Fabrik, täglich 12 Stunden. Dabei verdiente sie 40 Mark pro Monat. Ihr Einkommen betrug damit etwa ein Drittel des Durchschnittseinkommens eines männlichen Arbeiters. Der jungen Arbeiterin war es wohl nur schwer möglich, sich selbst und ihre Tochter, die im April 1901 geboren wurde, von diesem Lohn zu ernähren. Allein die Hälfte ihres Einkommens musste sie "an Frau Beck, die das Kind zur Pflege hat, zahlen". 1902, als ihr zweites Kind Karl geboren wurde, war Sofie Heidinger nicht mehr in der Seidenspinnerei Mez beschäftigt. Sie lebte nun in Ebnet und arbeitete "bei ihrer Mutter in der Haushaltung und um Taglohn, eine eigene Haushaltung hat[te sie] nicht. Sie hatte Kost und Wohnung bei der Mutter und hatte dafür keinen Lohn, resp[ektive] mußte den verdienten Taglohn an die Mutter abgeben."

Über den weiteren Lebensweg Sofie Heidingers erfahren wir nur noch Bruchstücke. Sie verstarb verheiratet unter dem Nachnamen Roth etwa im Alter von 50 Jahren an "Wassersucht".

Industrialisierung und Fabrikarbeiterinnen

Das 19. Jahrhundert brachte für alle Menschen grundlegende Veränderungen in ihrer Lebenswelt, besonders im Bereich der Erwerbsarbeit, mit sich. Sowohl Männer- als auch Frauenerwerbsarbeit verlagerte sich seit der zweiten Jahrhunderthälfte zunehmend in die außerhäusliche Welt der entstehenden und immer größer werdenden Fabriken.

Unzählige Fabrikarbeiterinnen gingen im 19. Jahrhundert wie Sofie Heidinger vom Land in die Städte, um dort Arbeit zu finden. Häufig arbeiteten sie in der Textilindustrie. In diesem Industriezweig waren im 19. Jahrhundert besonders viele Frauen beschäftigt. Der  Freiburger Unternehmensgründer Carl Mez erklärte 1867: "Bei unserem hiesigen Beginnen erkannten wir bald, daß wir hier zu unsrem Seidenzwirngeschäft […] nur Mädchen verwenden könnten, und daß wir auch fremde herbeiziehen müßten, wenn wir die zu einem größeren Geschäft notwendige Arbeitskraft haben wollten."

Vermutlich wurden die Arbeiterinnen bei der Mez, wie in der Textilindustrie allgemein üblich, vor allem für wenig qualifizierte Arbeiten eingesetzt. Frauenarbeit war gemeinhin ungelernte Arbeit und sie war wesentlich schlechter bezahlt als diejenige der Männer. Das galt auch in der Seidenfabrik Carl Mez & Söhne. Hier verdienten Frauen im Extremfall 85 % weniger als Männer. Natürlich bei gleicher Arbeitszeit von 12 Stunden pro Tag.

Trotz dieser Ungleichheit: die Arbeiterinnen der Firma Mez waren insgesamt sicherlich bessergestellt, als in vielen anderen Industriebetrieben des 19. Jahrhunderts. Das Freiburger Unternehmen galt besonders unter Leitung des Gründers Carl Mez als Vorbild der Arbeiterinnenfürsorge. Beispielsweise wurde auf dem Fabrikgelände ein eigenes Arbeiterinnenheim unterhalten, in dem etwa 100 Mädchen und Frauen lebten.

Die Unternehmenskultur der Firma Mez hatte sich im 20. Jahrhundert jedoch verändert. Statt vom Freiburger Musterbetrieb war nun "Von der Freiburger Elendsindustrie" die Rede. 1909 wurde das Arbeiterinnenheim aufgelöst. Später, in der Weimarer Republik, zählte die Seidenzwirnerei zu jenen Unternehmen, die tarifliche Lohnsteigerungen so lange wie möglich hinauszögerten. Zu dieser Zeit mussten besonders die Arbeiterinnen der Textilindustrie aufgrund unzureichender Verdienste durch die städtische Fürsorge unterstützt werden.

Das Wichernhaus

Junge Frauen, die arbeitssuchend und häufig unerfahren nach Freiburg kamen, hatten von Seiten der Behörden keine Hilfe zu erwarten. Sie liefen Gefahr, von vermeintlichen Hilfsangeboten von Fremden geblendet zu werden. Daher organisierten verschiedene Frauenvereine Hilfe, so auch die Freiburger Diakonissen. Sie gründeten 1876 die "Herberge zur Heimat", in der Frauen Unterkunft und Hilfe bei der Arbeitssuche fanden. Zunächst lag die Herberge im evangelischen Stift in der Hermannstraße und später am Holzmarkt, bevor sie zu Beginn der 1890er Jahre hierhin, in das heutige "Wichernhaus", verlegt wurde. Vielleicht fand auch Sofie Heidinger Hilfe in der "Herberge zur Heimat", als sie nach Freiburg kam.