1925, 25 Jahre nachdem die erste Frau in Deutschland offiziell studieren durfte, kam eine junge Studentin aus Troppau hier in Freiburg an, um hier ihr Medizinstudium zu vollenden. 1927 beschrieb sie ihren bisherigen beruflichen Werdegang:
"Ich, Gerda Liehr, geb. Protzak, bin als Tochter des Oberfinanzrates Dr. Alfred Protzak und seiner Ehefrau, Adele Protzak, geb. Werz, in Troppau […] am 19. April 1899 geboren. Nach dem Besuche des Mädchen-Lyzeums und der obersten Klasse des Staatsgymnasiums legte ich in Troppau 1920 die Reifeprüfung ab. Meine medizinischen Studien erfolgten an den Universitäten Breslau, Innsbruck und Freiburg i. Br., woselbst ich mich im Herbst 1925 der medizinischen Staatsprüfung unterzog, nachdem ich, durch Heirat Reichsdeutsche geworden, vor meiner Zulassung zum Staatsexamen ein Jahr vergebens die Erlangung der Approbation angestrebt hatte. In der folgenden Zeit war ich an der Psychiatrischen, Gynäkologischen und Medizinischen Klinik der Universität Freiburg i. Br. tätig und legte im März 1927 das medizinische Rigorosum ab."





Im selben Jahr erlangte Gerda Liehr ihre Approbation und brachte ihr erstes Kind zur Welt. Zwei Jahre später ließ sich die junge Mutter als Ärztin mit eigener Praxis nieder, in die zu Beginn des Jahres 1931 auch ihr Mann eintrat. Wie er später berichten wird, hing Gerda "mit Leib und Seele an ihrem Beruf". Damit sie diesen ausüben konnte, lebte ein Kindermädchen bei der Familie, das die mittlerweile zwei Kinder betreute.
Die Praxis der Eheleute befand sich zunächst in gemieteten Räumen. Doch als 1936 ihr drittes Kind zur Welt kam, zogen sie in ihr eigenes Haus mit Praxisräumen in der Schwarzwaldstraße ein. Dort infizierte sich Gerda Liehr während ihrer Arbeit mit Scharlach. Von den Folgen erholte sie sich nie wieder vollständig. So musste sie den Praxisbetrieb – den sie seit 1939 alleine führte, da ihr Mann zum Kriegsdienst einberufen wurde – 1941 auf das Nötigste herunterfahren. Erst nachdem Walter Liehr nach Ende des Zweiten Weltkriegs zurückgekehrt war und seine Strafe wegen Mitgliedschaften in verschiedenen nationalsozialistischen Vereinigungen verbüßt hatte, konnte die Praxis 1948 wiedereröffnen.
An die Arztpraxis der Nachkriegszeit sowie das Leben im Haus in der Schwarzwaldstraße erinnert sich die Enkeltochter Gerda Liehrs bis heute: "Als mein Großvater aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause kam, ist er wieder in die Praxis eingestiegen. Meine Großmutter hat weiter gearbeitet, bis sie zu krank wurde, danach hat sie nur noch Organisatorisches übernommen (Kassenabrechnung etc.). Meine Mutter [ausgebildete Hebamme] hat dann in der Praxis mitgearbeitet, bis mein Großvater einen Unfall hatte (etwa 1975) und die Praxis aufgab."
Gerda Liehr war bereits vor der Praxisschließung am 22. September 1965 im Alter von 66 Jahren in Freiburg verstorben.
Das Frauenstudium in Deutschland
Dass Gerda Liehr als Frau studieren konnte, war keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Jahrhundertelang war Frauen der Zugang zur Universität verwehrt gewesen. Erst seit den 1860er Jahren hatten sich Änderungen angedeutet: In der Schweiz wurden Frauen bereits zum Studium zugelassen, im Deutschen Reich kämpfte die bürgerliche Frauenbewegung für gleiche Bildungs- und Berufschancen von (bürgerlichen) Frauen. Besonders der Verein Frauenbildung – Frauenstudium, zu dessen Mitgliedern auch einige Freiburgerinnen zählten, erzielte entscheidende Fortschritte, beispielsweise die Gründung des ersten deutschen Mädchengymnasiums in Karlsruhe 1893 und die Zulassung von Frauen zur Abiturprüfung.
Sieben Jahre später hatte der Verein Frauenbildung – Frauenstudium entscheidenden Einfluss darauf, dass die ersten Frauen im Deutschen Reich an den Universitäten Freiburg und Heidelberg offiziell zum Studium zugelassen wurden. Schon zuvor durften Frauen an den Universitäten als Hörerinnen lernen, jedoch ohne das Recht, Examina abzulegen. Da die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg den Studentinnen, die bereits seit dem Wintersemester 1899/1900 als solche Hörerinnen anwesend waren, ihre Leistungen rückwirkend anerkannte, gelten diese Freiburger Studentinnen heute als erste Studentinnen Deutschlands. Die wohl bekannteste unter ihnen, Johanna Kappes, studierte Medizin – genau wie Gerda Liehr.
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Kollegiengebäude I
Das Kollegiengebäude I ist Teil der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Es wurde von 1907 bis 1911 erbaut und im selben Jahr als Universitäts-Hauptgebäude eingeweiht. Bis heute zählt es mit seiner Fassade aus rotem Sandstein und dem eingemeißelten Universitätsmotto "Die Wahrheit wird euch frei machen" zu den Wahrzeichen Freiburgs.
Im Juli 1934 wurden zahlreiche Teile des Gebäudes bei einem Brand zerstört. Im Zuge des Wiederaufbaus im Jahr 1936 wurde das KG I aber nicht nur aufgestockt. Auch eine weitere Inschrift wurde im Auftrag der Universitätsführung an der Fassade angebracht: "Dem ewigen Deutschtum". Die ursprünglich goldene Bemalung der Schriftzeichen ließ die französische Verwaltung nach Ende des Zweiten Weltkriegs entfernen.
Herzlichen Dank an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Universitätsarchivs Freiburg sowie des Universitätsarchivs Innsbruck für die freundliche Unterstützung bei der Recherche.
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