Sie befinden sich nun innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern Freiburgs. Schräg gegenüber sehen Sie das Haus zur "Blauen Lilie". Hier lebte die Tucherin Margaretha Wolhartin Mitte des 15. Jahrhunderts.
Damals war Freiburg eine Stadt mit mindestens 6.000 Einwohner_innen und geprägt von Landwirtschaft, Weinbau, Handel und Handwerk. In politischer Hinsicht war seit dem 13. Jahrhundert der zunehmende Einfluss der zünftigen Handwerks- und Handelsrepräsentanten entscheidend. Die Zünfte, also formelle, von der Obrigkeit anerkannte Zusammenschlüsse von Handwerksmeister_innen eines Gewerbes, beeinflussten nicht nur das politische Leben entscheidend, sondern auch das gesellschaftliche.
Margaretha Wolhartin gehörte als zünftige Tucherin zu dieser bedeutenden Berufsgruppe. Somit stand ihr offiziell das Recht zu, fein gewebte Stoffe herzustellen und walken zu lassen beziehungsweise zu verkaufen, jedoch nicht selbst zu walken. Neben dieser Arbeit betrieb Margaretha auch eine Walke. Damit war sie in zwei Gewerben gleichzeitig tätig und somit für andere Zunftmitglieder eine Konkurrentin in gleich zwei Bereichen.



Dies missfiel ihren Zunftgenossen. Sie beschwerten sich beim Freiburger Rat über Margarethas Verhalten, der die Tucherin um Stellungnahme bat. Margaretha Wolhartin erklärte dann, dass sie als Angehörige der Tucherzunft Tuche anfertigte - ein Recht, das niemand bestritt. Außerdem würde sie die Walke betreiben, ja. Aber hier würde nur ihr Schwiegersohn für sie walken und auch nur die Tuche, die sie selbst gewebt hatte. Der Rat beschloss dennoch: Margaretha musste sich entscheiden. Entweder solle sie tuchen oder walken, beides ginge nicht.
Einige Jahre später begegnet uns Margaretha Wolhartin noch einmal als Grautucherin in einem Herrschaftsrechtbuch. Sie scheint sich also für das Tucherhandwerk entschieden zu haben und die regionaltypischen "grauen", das heißt ungefärbten, Tuche hergestellt zu haben.
Das Haus "Zur Blauen Lilie" in der Salzstraße (Nr. 37)
Bereits in den ersten Jahrhunderten der Freiburger Stadtgeschichte war die Salzstraße eine sehr vornehme Adresse, in der die einflussreichsten Familien der Stadt lebten. Die anfänglich bedeutenden Familien wurden seit Mitte des 15. Jahrhunderts, also genau zu der Zeit, als Margaretha Wolhartin lebte, durch neue Honoratioren abgelöst, die nun die Häuser der Salzstraße bewohnten.
Unter ihnen lebte Margaretha Wolhartin im Haus "Zur Blauen Lilie" in der Salzstraße 37. Damals war dieses Haus noch als einzelnes zu erkennen. Heute teilt es sich seine Fassade mit dem Haus Nr. 39.
Zünftige Frauen im Mittelalter
Zu Lebzeiten Margaretha Wolhartins gab es in Freiburg insgesamt 18 Zünfte, beispielsweise die Metzgerzunft, die Schneiderzunft oder die Tucherzunft zum Rosbaum. Die meisten, aber nicht alle Handwerker_innen, gehörten solchen Zünften an. Denn mit der Entstehung der Zünfte wurde auch der Zunftzwang eingeführt, der die Mitgliedschaft für städtische Handwerker_innen vorschrieb. Außerdem brachte die Mitgliedschaft viele Vorteile, wie beispielsweise das Bürgerrecht, mit sich.
Die mittelalterlichen Zünfte nahmen prinzipiell auch Frauen auf und in manchen Städten gab es sogar reine Frauenzünfte. Doch der Anteil weiblicher Zunftmitgliedern lag in Freiburg – wie in vielen anderen Städten – deutlich unter dem der männlichen, 1390 zum Beispiel bei rund 9%. Nicht nur der prozentuale Anteil von männlichen und weiblichen Zunftgenoss_innen unterschied sich, sondern auch die Rechte, die ihnen zugestanden wurden. So war es Frauen prinzipiell verwehrt, politische Ämter, beispielsweise im Freiburger Rat, zu übernehmen, während ihre männlichen Kollegen dort selbstverständlich vertreten waren.
Welche Auswirkungen die fehlende politische Vertretung der Frauen hatte, zeigte sich deutlich seit dem 16. Jahrhundert, denn nun wurde Frauen der Zugang zu den Zünften mehr und mehr verwehrt. Als Meisterwitwen hatten sie immerhin beschränkte Rechte. Doch abgesehen davon arbeiteten Frauen nun vor allem außerhalb der Zunftregeln in den Werkstätten der männlichen Meister mit.
Text herunterladen (81,5 KB)
Verwendete Quellen und Literatur (52,8 KB)