Schauspielerin Erni Mangold als „Maude“ im Stück „Harold und Maude“ in den Kammerspielen der Josefstadt in Wien, 2017
APA/Georg Hochmuth (Archivbild 2017)
1927–2026

Erni Mangold ist tot

Die Schauspielerin, Regisseurin und ehemalige Professorin Erni Mangold ist im Alter von 99 Jahren gestorben. Sie sei in der Nacht in einem Wiener Altersheim „eingeschlafen“, teilte Mangolds Agent Klaus Kelterborn am Samstag mit. Ihre jahrzehnteumspannende, bis zuletzt andauernde Karriere und ihr raubeinig-augenzwinkernder Charme machten sie zur Ikone.

Mangolds Laufbahn sucht in ihrer Dauer und Spannweite ihresgleichen: Sie stand von 1946 weg über sieben Jahrzehnte auf der Bühne und war in mehr als 130 Film- und Fernsehproduktionen zu sehen. Auch als Schauspielprofessorin wurde Mangold zur Institution. Rückzug gab es für Mangold keinen: Erst 2017 verabschiedete sie sich von der Bühne, auch danach blieb sie öffentlich präsent.

Mangold war dabei nicht nur Bühnenlegende, sondern auch beredte Zeitzeugin. Sie wurde 1927 im niederösterreichischen Großweikersdorf als Ernestine Goldmann geboren und wuchs dort als Wildfang und Wirtshausenkerl auf, kam als Tochter eines leidenschaftlich malenden Lehrers und einer Pianistin aber stets mit der Kunst in Berührung.

Im Wiener Studio des Senders ‚Rot-Weifl-Rot‘ produzierte Hörspielaufnahme des Dramas „Der Tod des Handlungs-reisenden“ von Arthur Miller: Schauspielerin Erni Mangold spricht ihren Rollentext ins Mikrophon
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Mangold 1951 beim Einsprechen einer Radioproduktion

Noch während des Krieges zog die Familie nach Wien, wo Mangold 1944 nicht nur eine Schauspielausbildung begann, sondern als junge Frau auch zur Zwangsarbeit eingezogen wurde. Die stets Widerständige, die sich bis zuletzt gegen Rechtsextremismus und Rassismus stellte, warf Sand ins Getriebe der Maschinen.

Debüt in der Josefstadt

Nach der Ausbildung an der Wiener Schauspielschule Krauss und dem Ende des NS-Regimes begann Mangolds Bühnenkarriere im zertrümmerten Nachkriegswien, wo sie als 19-Jährige im Theater in der Josefstadt engagiert wurde. Ihr Debüt im Haupthaus feierte sie in „Der Herr im Haus“, bis 1955 folgten zahlreiche Rollen. Sie avancierte zum „Sexerl“, das man vor allem für die Rolle der Verführerin und als „Zerstörerin der Ehe“ eingesetzt habe – so oft, dass ihr das schon beim Hals herausgehangen sei, schilderte Mangold in ihrem 2011 erschienenen Erinnerungsbuch „Lassen Sie mich in Ruhe“.

„Sittsam war die Zeit – und doch so verlogen“, schreibt Mangold – und schilderte dabei auch ausführlich die nicht enden wollenden sexuellen Belästigungen, Zudringlichkeiten, Abwertungen und Zuschreibungen durch Kollegen und andere Männer.

„Sie lauerten mir auf, sie überfielen mich, sie betatschten mich. Sie rissen die Garderobentür auf, um mich nackt zu sehen. Mein erster Ohrenkuss: Ich wusste nicht einmal, dass es das gab, und war entsetzt, als mir einer plötzlich die Zunge ins Ohr steckte“, so Mangold. Jahrelang musste sie gegen derartige Belästigungen kämpfen, das thematisierte sie offen und intensiv – so wie sie sich generell kein Blatt vor den Mund nahm.

Erni Mangold erhält den Nestroypreis im November 2005 als „Beste Nebenrolle“
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2005 erhielt die Kammerschauspielerin den Nestroy-Preis

Großes Repertoire

Kurz nach dem Start ihrer Theaterkarriere spielte Mangold auch in ihren ersten Filmen, wenn ihr auch der „süßliche Heimatfilm“ der Nachkriegsjahre zuwider war. Erst später erlaubte ihr der Film mehr Freiheit. Bereits 1948 war sie in „Der Engel mit der Posaune“ an der Seite von Attila Hörbiger, Paula Wessely und Maria Schell zu sehen, im Laufe ihrer Karriere folgten Filme wie O. W. Fischers „Hanussen“ (1955), Franz Antels „Der Bockerer“ (1981), Richard Linklaters „Before Sunrise“ (1995) und Sabine Hieblers und Gerhard Ertls „Anfang 80“ (2011).

Mangold stand zudem für zahlreiche TV- und Serienproduktionen vor der Kamera, darunter Klassiker wie der „Tatort“, „Kommissar Rex“ und „Schnell ermittelt“. In denen letzten Jahren war sie zudem in mehreren „Landkrimis“ sowie dem ersten Teil der BBC-ORF-Koproduktion „Vienna Blood“ zu sehen. Zuletzt spielte sie eine Rolle in „Schönes Schlamassel“ (2019) von Wolfgang Murnberger.

Legendäres Treffen im Gutruf 1966 mit Helmut Qualtinger, Erni Mangold, Schriftsteller Otto Kobalek, Kolumnist Günther Fritsch, Erich Sokol, Geschäftsmann Putzi von Preuss
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Mangold und Freunde in den 1960ern im legendären Cafe Gutruf

Hamburg und wieder zurück

Jahrzehntelang währte auch Mangolds Theaterkarriere, die sich teilweise in Deutschland abspielte. 1955 ging sie nach Hamburg („eine zweite Heimat“) und spielte bis 1963 unter Gustaf Gründgens am Deutschen Schauspielhaus, danach zog es sie ans Düsseldorfer Schauspielhaus unter Karlheinz Stroux. Dort wurde sie schauspielerisch gefordert und gefördert.

In Hamburg heiratete sie 1958 auch ihren Schauspielkollegen Heinz Reincke, mit dem sie 20 Jahre zusammenbleiben sollte. Zwischen 1965 und 1972 folgten weitere Engagements in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Einerseits gewann sie in dieser internationalen Phase künstlerische Unabhängigkeit und konnte sich von ihrem Wiener „Sexerl“-Stigma lösen, andererseits musste sie in ihrer eigenen Karriere zugunsten der ihres Mannes zurückstecken.

Gruppenbild zu Ehren des 65. Geburtstages von Fritz Eckhardt mit Heinz Reincke und Erni Mangold, alle halten Sektgläser in der Hand, aus dem Jahr 1972
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Das Ehepaar Heinz Reincke und Erni Mangold mit Fritz Eckhardt (Mitte) im Jahr 1972

Das zeigte sich vor allem, nachdem das Ehepaar wieder nach Wien zurückgekehrt war. In der verhaberten Wiener Kulturszene habe ihr schlicht das Netzwerk gefehlt, zudem habe der Gedanke geherrscht, sie sei durch ihre Ehe ohnehin versorgt. Doch Mangold schlug sich durch und eroberte sich ihren Platz auf der Bühne und vor der Kamera zurück, machte mit jedem Lebensjahrzehnt einen neuen Karrieresprung. Zudem entdeckte sie ihre Liebe zum „alternativen“ Theater. So trat sie etwa in der Wiener Kulisse auf, später war sie die Entdeckerin des Dramatikers Werner Schwab.

Programmhinweise

Zur Erinnerung an Erni Mangold ändert Ö1 sein Programm und sendet in der Reihe „Menschenbilder“ am Sonntag, 6. September, um 14.05 Uhr ein Porträt der Schauspielerin. Am Samstag, 12. September, um 14.00 Uhr sendet Ö1 das Hörspiel „Hornissengedächtnis“, ein Stück über Erinnerung, Flucht, Schuld und die langen Schatten der Vergangenheit.

Mangold sei ein „spezieller rarer Frauentyp“, hieß es 1999 bei ihrer Ernennung zur Kammerschauspielerin. Als solche brillierte sie in eher klassischen Rollen wie jener der Marthe Schwerdtlein im „Faust“, der Lady Macbeth und der Frau Muskat im „Liliom“, sie empfahl sich aber auch als Spezialistin fürs Skurrile wie in „Arsen und alte Spitzen“ oder für eigenwillige Kunstfiguren wie das alterslose „Schneewittchen“ in Elfriede Jelineks „Prinzessinnendramen“ am Volkstheater. Dafür gab es 2005 den Skraup-Preis und den „Nestroy“ als beste Nebendarstellerin.

Auch als Professorin wurde sie zur Institution: 1972 begann Mangold, am Salzburger Mozarteum und an der Theaterschule Krauss zu lehren. 1974 landete sie an der Wiener Hochschule für Musik und darstellende Kunst, wo sie zwischen 1984 und 1995 als ordentliche Hochschulprofessorin tätig war.

Abschied vom Theater erst 2017

Dem Theater blieb Mangold mit ihrem großen Repertoire in dieser Zeit auf verschiedenen Bühnen treu. Bereits 1972 erhielt sie die Kainz-Medaille, 1999 wurde sie zur Kammerschauspielerin gekürt. Weiters erhielt sie u. a. den Großen Schauspielpreis der Diagonale, den Österreichischen Filmpreis für ihre Rolle in „Der letzte Tanz“ und das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst.

Erni Mangold als „Maude“ und Meo Wulf als „Harold“ und während der Fotoprobe zu „Harold und Maude“ in den Kammerspielen der Josefstadt in , im Jänner 2017
APA/Georg Hochmuth
Erni Mangold als „Maude“ und Meo Wulf als „Harold“ im Jahr 2017

Vom Theater verabschiedete sich der Workaholic Mangold erst 2017 – mit nicht weniger als 90 Jahren. Ihr letztes Stück war „Harold und Maude“ an der Seite von Meo Wulf am Theater in der Josefstadt – dann wurde Mangold die Bühne doch noch zu anstrengend. Doch vital und voller Antrieb war Mangold bis zuletzt – regelmäßig pendelte sie mit dem Auto zwischen ihrem geliebten Bauernhaus im Waldviertel und Wien. 2022 wurde Mangold die Platin-Romy für ihr Lebenswerk verliehen.