Stjörnu-Odda draumr, Stern-Oddis Traum – Die Geschichte von Stern-Oddi Helgason, der einen merkwürdigen und einzigartigen Traum hat, fasziniert mich nun schon seit einiger Zeit. Ich bin während meiner Recherche zu Erzählwelten in der Sagaliteratur auf diesen þáttr, diese Erzählung, gestoßen, habe aber schnell festgestellt, dass es wohl keine deutsche Übersetzung gibt. Auf Englisch wurde die Geschichte zweimal übersetzt, von Marvin Taylor in The Complete Sagas of Icelanders, vol. 2, und von Ralph O’Connor in seinem Icelandic Histories and Romances.
Deshalb, und als eine Art Feiertagsunterhaltung für die, die mir in Echtzeit zwischen Weihnachten 2020 und Dreikönig 2021 folgen werden, folgt hier jetzt eine Übersetzung der Geschichte von Stern-Oddi und seinem Traum, zusammen mit einigen Kommentaren und Annotationen. Die Übersetzung ist bewusst möglichst eng am Text und gibt alle Traumfloskeln, Kommentare des Erzählers und ähnliche Stilmittel wieder. Sie folgt der Ausgabe in Íslenzk fornrit 13. Ich habe vier Teile geplant, die ich in den nächsten Tagen übersetzen und posten werde. Vielleicht eignet es sich auch als Teaser für die größere (Neu-)Übersetzung der sogenannten “nachklassischen” Isländersagas, an denen ich momentan mit einigen Kolleg*innen sitze? Anders als der geplante Band ist diese Übersetzung hier aber nicht druckreif. Wenn ihr Fehler oder Ungenauigkeiten findet, sagt mir das gerne und ich werde sie korrigieren.
Jetzt wünsche ich aber viel Spaß beim Lesen – hoffentlich wird euch diese Geschichte genauso gut gefallen wie mir selbst!
Stern-Oddis Traum
1. Kapitel
Ein Mann hieß Þórðr, er lebte in Múli im Norden, in Reykjardalr. Dort hielt sich ein Mann bei ihm auf, der Oddi hieß und der Sohn von Helgi war. Er war so bewandt in der Kalenderberechnung, dass zu seiner Lebzeit in ganz Island niemand ihm ebenbürtig war, und auch in vielen anderen Dingen war er weise. Er war weder ein Skalde noch in der Dichtkunst bewandt. Es wird vor allem über seinen Rat und seine Besonnenheit gesagt, dass Menschen es für wahr hielten, dass er nie log, wenn er die Wahrheit zu sagen wusste.[1] Er war auch in allen Dingen rechtschaffen und der vertrauenswürdigste Mann.
Es ist davon zu berichten, dass diesem Mann, Oddi, eine wundersame Begebenheit geschah. Er fuhr von seinem Heim nach Flatey, weil Þórðr, sein Hausherr, ihn zum Fischen dorthin geschickt hatte. Nichts anderes ist zu berichten, als dass die Reise zur Insel gut verlief. Dort wurde er mit guter Gastfreundschaft aufgenommen. Es ist nicht überliefert, wer dort lebte. Aber es ist davon zu berichten, dass am Abend, als die Leute ins Bett gingen, Oddi gut und bequem eingerichtet wurde. Und weil er müde von der Reise und das Bett so bequem war, schlief Oddi schnell ein. Und er träumte sofort, dass er daheim in Múli sei, und ihm schien dort ein Gast angekommen zu sein, und dass die Leute abends ins Bett gingen.[2] Er dachte, dass der Gast dann um Unterhaltung gebeten würde, und er begann und erzählte eine Saga, die so anfing.
2. Kapitel
Hróðbjartr hat ein König geheißen, er herrschte über Gautland im Osten.[3] Er war verheiratet und seine Frau hieß Hildiguðr. Sie hatten als einziges Kind einen Sohn, der Geirviðr hieß. Er war früh schön und intelligent und in allen Dingen männlicher als seine Gleichaltrigen, doch er war ein Kind, als die Saga geschah.
Es ist davon zu berichten, dass der König Hróðbjartr den Jarl zur Verwaltung über ein Drittel seines Reiches eingesetzt hatte, der Hjörvarðr hieß. Er war ebenfalls verheiratet, und seine Frau hieß Hjörguðr. Sie hatten als einziges Kind eine Tochter, sie hieß Hléguðr. Von ihr wird gesagt, dass sie in ihrer Kindheit unfügsam war und immer schwieriger wurde, je älter sie war. Es wurde auch gesagt, dass sie sich in ihrem Verhalten nie in weibliche Sitten fügen wollte. Es war immer ihre Gewohnheit, in Rüstung und mit Waffen aufzutreten, und wenn sie mit jemandem nicht einer Meinung war, brachte sie ihm entweder schlimme Wunden bei oder brachte ihn um, wenn es ihr nicht gefiel.[4]
Aber wegen ihrer Ungerechtigkeit schien Jarl Hjörvarðr, ihrem Vater, dass er sich nicht mit ihrem schwierigen Charakter abfinden konnte. Er sagte ihr klar, dass es so nicht weitergehen könne, und dass er es ihr nicht mehr durchgehen lassen würde, wenn sich nicht etwas verbesserte, – „ansonsten verlasse mein Gefolge sofort.“
Aber als Hléguðr Jarlstochter von ihrem Vater hörte, dass er sie aus seinem Gefolge entlassen würde, da antwortete ihm damit, dass sie dort nicht mehr verweilen wollte. Sie bat ihren Vater, dass er ihr drei Langschiffe mit Ausrüstung und Besatzung geben und sie so gut ausstatten solle, dass es selbst ihr gut erscheinen würde. Wenn es so geschähe, würde ihr das gut gefallen, auch wenn sie dann davonfahren müsse. Jarl Hjörvarðr wollte gern alles tun, damit sie so schnell wie möglich fortgehe, denn ihm schien, wie es auch war, dass von ihrer Anwesenheit große Schwierigkeiten ausgingen.
Danach ließ er drei Langschiffe aufs Beste ausstatten. Und als dieses Heer ausgerüstet war, fährt Hléguðr Jarlstochter mit ihm außer Landes und auf Heerfahrt und Wiking, wo sie sich Reichtümer und Ruhm verschaffte. Es wird gesagt, dass sie nicht mehr ins Land zurückkam, während ihr Vater lebte.
Doch die Saga muss an anderer Stelle fortgesetzt werden. Denn als Geirviðr, der Sohn von König Hróðbjartr, acht Jahre alt war, wurde der König krank, und man muss nicht lange davon berichten, denn es geschieht so, dass der König an der Krankheit stirbt. Um solch einen Herrscher schien es allen seinen lieben Freunden und Vertrauten ein großer Verlust, was es auch war, und so dachte auch das ganze Volk. Dann wurde ein ehrenvolles Fest arrangiert und dazu die reichsten Menschen und größten Herrscher eingeladen, die im Land lebten. Zudem wurde auch jeder Mensch eingeladen, der dorthin kommen wollte, innerhalb wie außerhalb des Landes, sodass niemand uneingeladen auftauchen würde. Doch nachdem das Fest so ausgerichtet war und eine große Menschenmenge dorthin kam, wurde mit großem Ansehen und Ehre auf das Erbe von König Hróðbjartr getrunken, wie es seinem Rang und seiner ehrenvollen Würde geziemte. Und als die Trauerfeier zu Ende war, wurde der König nach alter Sitte in einem Grabhügel begraben, wie es damals Brauch unter Adeligen war.
3. Kapitel
Nun ist davon zu berichten, nach diesen großen Ereignissen, die sich dort im Land zugetragen hatten, da schien es allen weisesten Männern und den besten Freunden des Königs, dass nun ein anderer Mann König werden und die Herrschaft des Landes übernehmen müsse, anstatt des großen Herrschers, den sie verloren hatten. Doch alle Landsleute liebten König Hróðbjartr so sehr, während er lebte, dass sie nichts anderes tun wollten als Geirviðr, seinen Sohn, zum König zu nehmen, damit die Königsherrschaft in seiner Familie bleiben konnte. Obwohl Geirviðr noch jung war und ihnen zu dieser Zeit nicht besonders zur Herrschaft über das Land geeignet schien, wollten die Leute es doch mit der Unterstützung der Königin darauf ankommen lassen, denn sie war die weiseste Frau und in allen Dingen überaus fähig. Doch mit der Zeit geschah es, weil Geirviðr als so junger Mann König sein und so viele Leute leiten sollte, dass die Regierung des Landes nachließ, wie es zu erwarten war. Es geschah auch, dass das Gefolge kleiner wurde, denn viele der Gefolgsleute suchten sich andere Beschäftigung. Manche fuhren auf Wiking, andere unternahmen Handelsreisen in verschiedene Länder. Und obwohl das, wovon gerade berichtet wurde, schon ein großer Schaden zu sein schien, da geschahen doch noch viele andere Unannehmlichkeiten im Reich des jungen Königs.
Davon wird in der Saga erzählt, dass zwei Übeltäter sich in dem Wald niederließen, der Jöruskógr (Schlachtwald) heißt. Er lag im Reich des jungen Königs. Diese Wikinger töteten Männer wegen ihrer Besitztümer und waren fast Berserker.[5] Der eine von ihnen hieß Garpr, und der andere Gnýr. Es wird gesagt, dass die Leute es nur wagten, in großen Zahlen zu reisen. Viele versuchten, mit großem Gefolge im Wald nach den Übeltätern zu suchen und sie aus dem Weg zu räumen, aber sie wurden nie gefunden, obwohl mit so vielen Leuten nach ihnen gesucht wurde. Das ging so weiter, bis Geirviðr 12 Jahre alt war.[6] In diesem Alter war er schon so groß gewachsen und körperlich stark wie viele Männern, die volljährig sind, und in seinen Fähigkeiten war fast so gut wie die, die in allem am besten ausgebildet sind.
Eines Tages, als Geirviðr mit seinem Gefolge bei Tisch saß, erhob er die Stimme und sprach: „Jetzt ist es so, wie ihr alle wisst, meine Leute, dass ich bisher jung war und wenig Kraft hatte, und deshalb konnte ich das Reich nicht gut leiten. Das habe ich auch oft gehört, wie zu erwarten war. Es ist auch kein großes Wunder, dass ich wegen meiner Jugend bisher nur schlecht regieren konnte. Aber weil ich nun 12 Jahre alt bin, will ich mich ausprobieren und in Erfahrung bringen, ob meine Herrschaft irgendwie reifen und groß werden kann. Viele sind in meinem Alter auch nicht männlicher und reifer. Deshalb will ich euch nun allen erklären, meinen Gefolgsleuten und Vertrauten, dass ich beabsichtige, gegen die Berserker Garpr und Gnýr zu kämpfen, die im Jöruskógr liegen und viel Unheil anrichten. Ich habe auch vor, nicht so zurückzukommen, dass sie noch am Leben sind, und entweder ich bezwinge sie, oder sie mich.“
Als König Geirviðr das gesprochen hatte, antwortet zuerst die Königin, seine Mutter, und mit ihr alle herausragendsten Männern, und beinahe alle sprachen wie aus einem Mund und baten den König, mit großem Gefolge gegen die Räuber auszuziehen und mit viel Ausrüstung, wenn er denn fahren wolle. König Geirviðr antwortet: „Ich habe viel über diese Sache nachgedacht, bevor ich etwas sagte, und es scheint mir, dass ich mir auf dieser Fahrt keinen Ruhm verschaffen werde, selbst wenn ich die Berserker zu fassen bekomme, wenn ich mit einem großen Heer und voll bewaffnet nach ihnen suche. Im Gegenteil, es ist eine große Schande, wenn ich wir sie nicht finden und ich so zurückkomme — wenn das passiert, wird es sehr ungeschickt für mich. Deshalb habe ich beschlossen, sie nur mit einem weiteren Mann aufzusuchen. Das Glück soll entscheiden, wie wir uns trennen werden.[7] Es kann aber auch sein, dass diese Fahrt von Ehre begleitet wird. Deshalb wird dieser Plan nun riskiert, egal, was passiert. Ich habe euch diese Sache deshalb vorgetragen, weil ich jetzt wissen will, wer von euch am begierigsten ist, mich auf dieser Fahrt zu begleiten, und es ist jetzt ratsam, dass sich jemand meldet, der mit mir reisen will. Doch ihr sollt wissen, dass ich entschlossen bin, auch zu fahren, wenn ich es alleine tun muss und niemand mitkommt.“
Nach diesen Worten des Königs war es die Königin selbst, die versuchte, ihn von dieser Fahrt abzubringen und sagte, wie es auch war, dass es wenig ratsam vorbereitet war. Denn dort war mit Höllenmenschen zu kämpfen, wo die Übeltäter waren,[8] und der König setzte so viel aufs Spiel, denn allen schien es gewiss, dass er sterben und den Kürzeren ziehen würde, wenn es so ausgehen würde, wie es wahrscheinlich war — sowohl wegen der Jugend des Königs als auch der Brutalität der Berserker. Alle Freunde des Königs rieten aufs Schärfste von der Fahrt ab und der König schien ihnen dem Untergang geweiht, wenn er mit nur einem weiteren Mann führe. Der König antwortete, dass es nichts bringe, ihm abzuraten. Und als alle verstanden, dass der König sich nicht abhalten lassen würde, da beantwortet des Königs Aufruf der Mann, der Dagfinnr hieß; er war ein Gefolgsmann des Königs und sein Skalde. „Mein Herr,“ sagt er, „ich weiß keinen Mann, der Euch mehr Ehre zu vergelten hat als ich. Ich bin doch umso verpflichteter, nie von Euch zu scheiden, je größer die Gefahr ist, in der Ihr Euch befindet. Wenn Ihr meine Gefolgschaft annehmen wollt, bin ich sofort zu dieser Fahrt bereit, wenn Ihr es seid.“
[1] Der Erzähler hätte hier auch sagen könnten: „Oddi log nie.“ Dass er das nicht tut, sondern hier durch die öffentliche Meinung und die Aussage, dass Oddi nie log, wenn er die Wahrheit kannte, zwei Distanzierungen einbringt, ist signifikant!
[2] „Ihm schien“ oder „er dachte“ wird im Isländischen zur Wiedergabe von Träumen verwendet.
[3] Gautland, das heutige Götaland im Osten Schwedens, taucht vor allem in Vorzeitsagas als ein Schauplatz legendärer Stoffe auf.
[4] Hléguðr tritt hier ähnlich auf wie andere Schildmaiden oder Mädchenkönige aus Vorzeit- und Märchensagas: sie lässt sich nicht in weibliche Rollen zwingen, will selbst herrschen und über ihr eigenes Leben entscheiden. Ihre Gewalttätigkeit ist allerdings untypisch und bestimmt sicher auch über spätere Abweichungen von diesem Figurentypus. Aber keine Spoiler!
[5] Berserker treten häufig in Vorzeit- und Isländersagas als Gegner des Helden auf. Sie zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, in Berserkerwut (berserksgangr) zu verfallen. In diesem Zustand verhalten sie sich wie Tiere und sind fast unbesiegbar. Berserker haben es häufig auf Frauen abgesehen und ihre sexuelle Gewalt stellt mit die größte Bedrohung dar. Interessanterweise sehen wir Garpr und Gnýr weder in der Berserkerwut, noch scheinen sie sich sonderlich für Frauen zu interessieren.
[6] Dieses Alter ist in vielen Sagas das, ab dem der Held sich reif und männlich verhält. Mit 12 Jahren waren Jungen in Island strafmündig. In anderen Sagas wird auch berichtet, dass in diesem Alter Vaterrache erwartet wurde, wenn der Vater vor der Geburt oder während der Kindheit des Jungen getötet wurde.
[7] Das Wort für Glück hier ist gæfa, eine Art persönliches Glück, das über Erfolg und Misserfolg des Einzelnen entscheidet. Man wird mit gæfa geboren, kann sie aber auch mit Taten beeinflussen.
[8] Das Wort hier ist heljarmaðr, es wird häufig für paranormal konnotierte Gegner verwendet.