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Titulus Crucis

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Titulus Crucis
Reliquienschrank in der Reliquienkapelle Santa Croce in Gerusalemme, Rom

Der Titulus Crucis (lateinisch für „Aufschrift des Kreuzes“) ist ein verehrtes Holzstück, das in der Kirche Santa Croce in Gerusalemme in Rom aufbewahrt wird und als die Aufschrifttafel des Wahren Kreuzes gilt, an dem Jesus Christus gekreuzigt wurde.[1]

Es wird von einigen Katholiken als Reliquie zu Jesu Tod verehrt. Die Echtheit ist umstritten, wobei einige Gelehrte eine plausible Authentizität bestätigen,[2] während andere sie ignorieren[3] oder als mittelalterliche Fälschung betrachten.[4] Radiokohlenstoffdatierungen des Artefakts haben gezeigt, dass es zwischen 980 und 1146 n. Chr. datiert werden kann.[5]

Die Tafel besteht aus Walnussholz, misst 25 × 14 × 2,6 cm und wiegt 687 g. Sie ist auf einer Seite mit drei Zeilen beschriftet, von denen die erste größtenteils zerstört ist. Die zweite Zeile ist in griechischen Buchstaben und Spiegelschrift geschrieben, die dritte in lateinischen Buchstaben, ebenfalls in Spiegelschrift. Der lateinische Text lautet Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum („Jesus der Nazarener, König der Juden“),[6] was dem Text im Johannesevangelium 19,19 EU entspricht und den Initialen INRI zugrunde liegt. Der Titulus Crucis wird auch in den synoptischen Evangelien erwähnt: im Markusevangelium 15,26 EU (als Grund der Kreuzigung), im Lukasevangelium 23,38 EU und im Matthäusevangelium 27,37 EU.

Helenas Reliquie

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Reliquienschrank Detail, Titulus Crucis
Im oberen Bild rechts die als "Titulus Crucis" bekannte Reliquie, ausgestellt in der Reliquienkapelle in der Kirche Santa Croce in Gerusaleme in Rom, darunter eine Hervorhebung der in Spiegelschrift hergestellten Textzeilen, wobei die erste Zeile in Hebräisch nur mehr schwer entzifferbar ist.

Die heilige Helena (Mutter Konstantins des Großen), römische Kaiserin, unternahm eine Pilgerreise ins Heilige Land und entdeckte Berichten zufolge das Wahre Kreuz sowie viele andere Reliquien, die der Kirche Santa Croce in Gerusalemme („Heiliges Kreuz in Jerusalem“) gestiftet wurden, die sie um 325 n. Chr. in Rom erbauen ließ. Gherardo Caccianemici dal Orso wurde 1124 zum Kardinalpriester der Kirche ernannt und renovierte die Kirche irgendwann bevor er 1144 Papst Lucius II. wurde. Er ließ die Reliquie in einer Schatulle deponieren, die sein Siegel als Kardinal trägt.[7]

Die Schatulle geriet offenbar in Vergessenheit, bis Arbeiter sie am 1. Februar 1492 bei der Restaurierung eines Mosaiks hinter einem Ziegelstein entdeckten, der mit „Titulus Crucis“ beschriftet war.[7] Pedro González de Mendoza, der zu dieser Zeit spanischer Kardinalpriester von Santa Croce war, förderte die Verehrung der wiederentdeckten Reliquie.[8]

Frühere Beschreibungen

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Einige christliche Pilger, die Jerusalem in den Jahrhunderten zwischen Helena und Papst Lucius besuchten, berichteten davon, die Aufschrift Christi dort gesehen zu haben: Egeria berichtete, dass im Jahr 383 n. Chr. „ein silbervergoldetes Kästchen gebracht wird, in dem sich das heilige Holz des Kreuzes befindet. Das Kästchen wird geöffnet und (das Holz) herausgenommen, und sowohl das Holz des Kreuzes als auch die Aufschrift werden auf den Tisch gelegt.“ Im lateinischen Original: "...et affertur loculus argenteus deauratus, in quo est lignum sanctum crucis, aperitur et profertur, ponitur in mensa tam lignum crucis quam titulus."[9] Der Pilger von Piacenza beschrieb im 6. Jahrhundert einen Titulus aus „Nussholz“ mit der Inschrift „Hic est rex Iudaeorum“ („Hier ist der König der Juden“), was (Lukas 23,38 EU) entspricht.[10]

Im Jahr 1997 untersuchte der deutsche Autor und Journalist Michael Hesemann die Reliquie. Hesemann legte die Inschrift der Tafel sieben Experten für hebräische, griechische und lateinische Paläographie vor: Gabriel Barkay von der Israel Antiquities Authority; Hanan Eshel, Ester Eshel und Leah Di Segni von der Hebräischen Universität Jerusalem; Israel Roll und Benjamin Isaac von der Universität Tel Aviv sowie Carsten Peter Thiede von der Ben-Gurion-Universität des Negev. Laut Hesemann fand keiner der konsultierten Experten Hinweise auf mittelalterliche oder spätantike Fälschungen. Alle datierten die Schriften in einen Zeitrahmen zwischen dem 1. und dem 3.–4. Jahrhundert n. Chr., wobei die Mehrheit der Experten das 1. Jahrhundert bevorzugte und keiner dies ausschloss. Hesemann kam zu dem Schluss, dass es sehr gut möglich ist, dass die Schrift auf dem Titulus Crucis tatsächlich authentisch ist.[2]

Carsten Peter Thiede vermutete, dass der Titulus Crucis wahrscheinlich mit einem echten Teil des Wahren Kreuzes identisch ist, der von einem jüdischen Schreiber geschrieben wurde.[11] Er meinte an anderer Stelle, dass die Reihenfolge der Sprachen historisch plausibel sei, obwohl sie von der Reihenfolge im kanonischen Neuen Testament abweiche. Er mutmaßte, dass ein Fälscher, wäre die Reliquie gefälscht, den biblischen Text direkt kopiert hätte. Joe Nickell bezeichnet dieses Argument als „Versuch, die Toten zu psychoanalysieren“ und sagt: „Fälscher – insbesondere aus einer anderen Ära – können etwas Klügeres oder Dümmeres oder einfach etwas anderes tun, als wir erwarten würden.“[7]

Im Jahr 2002 führte die Universität Rom III Radiokohlenstoffdatierungen an dem Artefakt durch, die zeigten, dass es zwischen 980 und 1146 n. Chr. hergestellt wurde. Das unkallibrierte Ergebnis der Untersuchung ergab 1020 ± 30 Jahre, kallibriert zwischen 996–1023 und 980–1146, unter Verwendung der Radiokarbondatierung INTCAL98. Diese Ergebnisse wurden in dee Zeitschrift Radiocarbon veröffentlicht.[12] Der Titulus Crucis aus der Residenz Helenas ist daher höchstwahrscheinlich ein mittelalterliches Artefakt; die italienische Altphilologin Maria Rigato diskutierte die Möglichkeit, dass es sich um eine Kopie eines inzwischen verlorenen Originals handelt.[13]

Beschreibung des Titulus Crucis in der Reliquienkapelle in der Kirche Santa Croce in Gerusalemme

Auf der Hinweistafel zum Titulus in der Reliquienkapelle werden weder die Ergebnisse der Radiokarbonmethode noch die Hypothese der Autorin Maria Rigato, dass es sich um eine mittelalterliche Kopie handeln könnte, erwähnt.[14]

Einzelnachweise

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  1. Marijan Dović, Jón Karl Helgason,National Poets, Cultural Saints: Canonization and Commemorative Cults of Writers in Europe National Cultivation of Culture. Brill, Leiden 2016, ISBN 978-9004335400, S. 30 (Google Books).
  2. a b Michael Hessemann: Titulus Crucis - The title of the cross of Jesus Christ? auf der privaten Webseite von Michael Hessemann.
  3. Collin Morris: The sepulchre of Christ and the medieval West: from the beginning to 1600 Oxford University Press, Oxford 2005, ISBN 978-0-19-826928-1, S. 32 (Google Books).
  4. Byrne, Ryan; McNary-Zak, Bernadette Resurrecting the Brother of Jesus: The James Ossuary Controversy and the Quest for Religious Relics The University of North Carolina Press, 2009, ISBN 978-0-8078-3298-1, S. 87 (Google Books).
  5. Francesco Bella, Carlo Azzi: 14C Dating of the Titulus Crucis. In: Radiocarbon 44, 3, 2002, S. 685–689 doi:10.1017/S0033822200032136.
  6. Antoninii Placentini Itinerarium, in Corpus Christianorum, Series Latina, Band 175, S. 130.
  7. a b c Joe Nickell: Relics of the Christ The University Press of Kentucky, Lexington 2007, ISBN 978-0-8131-2425-4, S. 87 (Digitalisat).
  8. Gordon Campbell: The Oxford Illustrated History of the Renaissance Oxford University Press, Oxford 2019, ISBN 978-0-19-871615-0, S. 105 (Google Books).
  9. Itinerarium Egeriae, 37, 1.
  10. Antoninii Placentini Itinerarium, in Corpus Christianorum, Series Latina, Band 175, S. 130.
  11. Carsten Peter Thiede: Der unbequeme Messias, Wer Jesus wirklich war. Brunnen Verlag, Basel/Gießen 2005, ISBN 3-7655-3876-0, S. 41f.
  12. Francesco Bella, Carlo Azzi: 14C Dating of the Titulus Crucis. In: Radiocarbon 44, 3, 2002, S. 685–689 doi:10.1017/S0033822200032136.
  13. Maria-Luisa Rigato: Il titolo della Croce di Gesù: confronto tra i Vangeli e la Tavoletta-reliquia della Basilica Eleniana a Roma, Dottorato nella Facoltà di Teologia. Pontificia Università Gregoriana, Rom 2003, ISBN 978-88-7652-969-6 (Google Books).
  14. Englischer Text der Hinweistafel: Reliquary of the Title As concerns the relic of the Titolo (the wooden tablet, with Pilate's imputation against Jesus written on in three languages: Hebrew, Greek and Latin) the tradition, from a moment onwards, lets the history speak Stefano Infessura, on his Diary, on the date Ist of February 1492, tells that this relic was found by chance during the restoration in the Basilica ordered by Cardinal Mendoza. It was locked in a small case with the seal of the Cardinal Caccianemici - holder of St. Croce and then Pope under the name of Lucio I! (1144-45) - and it was walled up ab antiquo n the arch that divides the transept from the nave. In ancient times the relics were often put in a high place to preserve them from thefts. But, in the case of this relic, it seems that they had forgotten it because the mosaic letters that indicated its collocation had been lost. Anyway, the piece of news of its refunding caused a great sensation at that period, also because it coincided with the Spanish reconquest of Granada, the last stronghold of the Arabs in the West On the 29th/7/1496 the bull of Pope Alessandro Vi Admirabile sacramentum authenticated the refunding of the Title and granted the plenary indulgence to anyone would have visited St. Croce the last Sunday of January. About the authenticity of the relic the recent studies (2003) by Maria-Luisa Rigato are very interesting. According to her, the relic- already worshipped in Jerusalem-was not brought to Rome by St. Elena but later, between 570 and 614, coinciding with the awarding of the cardinal title to St. Croce given by Pope Gregorio Magno. What's more, the scholar states that the Title has always been as it's nowadays, and that the divisions into two or three parts, as somebody asserted, it's a mere conjecture. Actually the inscription, wholly analyzed and studied through a wise palaeographic and exegetic analysis, its perfectly coincident with the data of the Gospels, in particular with the one by Giovanni, in Hebrew Jesus (of) Nazareth king of Yours", translated with justified changes into Latin and Greek.