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Rudolf Chametowitsch Nurejew

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Rudolf Nurejew (1973)

Rudolf Chametowitsch Nurejew [rʊˈdɔˑlʲf xɐˈmʲɛˑtəvʲɪʧʲ nʊˈrʲeˑjɪf], gelegentlich auch Rudolf Chamitowitsch Nurijew (russisch Рудо́льф Хаме́тович Нуре́ев bzw. Рудо́льф Хами́тович Нури́ев; wissenschaftliche Transliteration Rudol’f Chametovič Nureev; tatarisch Рудольф Хәмит (Мөхәммәт) улы Нуриев, Rudolf Xämit (Möchämmät) ulı Nuriev; deutsch meist: Rudolf Nurejew, international: Rudolf Nureyev oder Noureev; * 17. März 1938 in der Nähe von Irkutsk, Russische SFSR, Sowjetunion; † 6. Januar 1993 in Levallois-Perret bei Paris, Frankreich) war ein Balletttänzer tatarischer Herkunft aus der Sowjetunion, der 1961 in den Westen emigrierte und 1982 die österreichische Staatsbürgerschaft annahm.

Nurejew und seine Ballettpartnerin in Zürich (1966)

Nurejew gilt als einer der besten Tänzer des 20. Jahrhunderts und als der größte männliche Star des klassischen Balletts in dessen zweiter Hälfte. Er beeinflusste sowohl die Rolleninterpretation im klassischen Repertoire wie auch die moderne Choreografie und begründete seit seiner Flucht aus der Sowjetunion die Emanzipation des männlichen Rollenparts in Balletten, in deren Mittelpunkt bis dahin allein Ballerinen standen. Er übertrug virtuose Technik und athletische Präsenz, wie sie im sowjetischen Ballett gepflegt wurden, in den Westen und leitete damit hier eine Renaissance des klassischen Balletts ein. Seine Ballettpartnerschaft mit der Primaballerina assoluta Margot Fonteyn vom Royal Ballet in London gilt als ein Interpretationshöhepunkt des klassischen Repertoires. Schon zu Lebzeiten eine Ikone des Tanzes, wurde Nurejew durch seine Medienpräsenz und die Berichterstattung über seine Person und sein Wirken einem breiten, auch ballettfremden Publikum bekannt.

Von den Anfängen in der UdSSR zum Ballettstar im Westen

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Kindheit und Ausbildung

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Rudolf Nurejew wurde als Kind tatarischer Eltern[1] in einem Zug der Transsibirischen Eisenbahn nahe der sibirischen Stadt Irkutsk geboren. Seine Mutter war auf dem Weg nach Wladiwostok, wo sein Vater als Soldat der Roten Armee stationiert war. Er wuchs in einem Dorf nahe Ufa in Baschkortostan auf.

In Ufa begann Nurejew eine Tanzausbildung als Partner seiner Schwester im Ballettunterricht. Nach Erfahrungen im Volkstanz nahm er erstmals auch private Ballettstunden bei den ehemaligen professionellen Ballerinen Anna Udalzowa und Jelena Woitowitsch. Diese führten ihn in die klassischen Ballette ein und ermutigten ihn gegen den Widerstand seines Vaters und trotz seines fortgeschrittenen Alters – er war schon 17 Jahre alt – für eine staatliche Ballettausbildung in Leningrad zu kandidieren.[2] So konnte der eigentlich für die Ballettakademie des Kirow-Balletts zu alte Nurejew 1955 eine Ausbildung am Choreografischen Institut Leningrad beginnen. Er kam durch seine Hartnäckigkeit wie sein Talent bis in die berühmte Männerklasse von Alexander Puschkin, musste aber in der sechsten Klasse anfangen, in der die drei bis vier Jahre Jüngeren ausgebildet wurden. Nurejews Ausbildungszeit wurde von häufigen Konflikten mit dem Direktorium begleitet, dessen Autorität er sich aufgrund seines aufbrausenden Temperaments nur schwer unterordnen konnte. Auch die Konkurrenz mit seinen jungen Kommilitonen, die ihm in ihrer Entwicklung voraus waren, plagte ihn. Später gestand er, dass sein Mitschüler Juri Solowjow technisch deutlich besser gewesen sei als er.

Solist im Leningrader Kirow-Ballett

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Seiner Ballettlehrerin für den klassischen Pas de deux, Natalja Dudinskaja, einer ersten Solistin und langjährigen Ausbilderin der Waganowa-Ballettakademie im Kirow-Theater, verdankte Nurejew die Einarbeitung ins klassische Repertoire und seine tänzerische Verfeinerung; insbesondere in Ausdruck und Präsenz war ihm Dudinskaja ein Vorbild.

Seine erste Solo-Rolle im Kirow als Partner Dudinskajas erhielt er am 20. November 1958 in dem von ihr favorisierten Ballett Laurentia. Der Erfolg in diesem Stück und sein aufsehenerregender Auftritt mit Alla Sisowa in Le Corsaire auf dem Ballettwettbewerb in Moskau 1958 festigten seine Position, und er wurde als Solist engagiert. Seine Partnerin in der Leningrader Zeit war vor allem Ninel Kurgapkina, doch trat er auch weiterhin mit Dudinskaja (in Laurentia) und Sisowa (in Le Corsaire) auf.[3]

Bald genoss Nurejew das in der Sowjetunion seltene Privileg, beruflich auf Auslandsreisen gehen zu dürfen, und tanzte mit Sisowa in Le Corsaire in Wien beim Internationalen Jugend-Festival, wo sie eine Goldmedaille gewannen. An dem Festival nahmen vom Kirow-Ballett auch Juri Solowjow und Natalia Makarowa teil, außerdem die ersten Solisten des Moskauer Bolschoi-Balletts, Jekaterina Maximowa und Wladimir Wassilijew.[4]

Kurz darauf wurden Nurejew aus disziplinarischen Gründen Auslandsreisen untersagt. Stattdessen tourte er in der Sowjetunion. Nach dem Berliner Festival im Oktober 1960 musste Nurejew noch eine 40-tägige, mehr als 5000 Kilometer lange Gastspielreise durch die DDR absolvieren. Nur begleitet von einem Pianisten, fand er sich in einem zirkusartigen Unternehmen in drittklassigen Aufführungsstätten wieder, was seine Rebellion gegen die Ballettleitung abermals entfachte.

Dennoch wurde Nurejew innerhalb von zwei Jahren als Solist im Kirow-Ballett einer der bekanntesten Tänzer der Sowjetunion. Seine erste Darstellung des Siegfried in Schwanensee, in der die neun Jahre ältere Kurgapkina die Odette/Odile tanzte, fand im April 1961 in Leningrad statt, zwei Monate bevor er in den Westen floh.[5]

Trotz seines späten Einstiegs ins Ballett setzte sich Nurejews tänzerische Begabung gegen alle Konkurrenz durch. Seine künstlerische Persönlichkeit war namentlich in seiner besonderen Ausstrahlung, Musikalität, Maskulinität und technischen Virtuosität zu erkennen, auch wenn er zeitlebens nicht die technische Brillanz von Solisten wie Erik Bruhn, Anthony Dowell oder Michail Baryschnikow erreichte. Durch seine von Anfang an unübersehbare Bühnenpräsenz stellte er rasch jene Kollegen in den Schatten, die eine vollständigere Ausbildung genossen hatten und auch technisch größere Perfektion erreichten wie sein Klassenkamerad in Alexander Puschkins Meisterklasse Juri Solowjow.[6]

Flucht in Le Bourget

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Am 1. Juni 1961 tanzte Nurejew erstmals in der westlichen Welt. Ein gegenseitiger Austausch der führenden Balletthäuser von West und Ost ermöglichte es Nurejew, mit dem Kirow-Ballett im Pariser Palais des Sports als Siegfried in Schwanensee aufzutreten. Am Tag nach dem letzten Auftritt in Frankreich im Palais Garnier in Paris, am Morgen des 16. Juni auf dem Flughafen Le Bourget, teilte die Ballettdirektion Nurejew mit, er habe auf Aufforderung der sowjetischen Parteiführung sofort nach Moskau zurückzukehren, obwohl die Tournee in London fortgesetzt werden sollte und die anderen Mitglieder der Truppe dorthin aufbrachen. Nurejew nutzte die Chance, im Westen zu bleiben. Er setzte sich, unterstützt von seinen Freunden Pierre Lacotte und Clara Saint, in der Abfertigungshalle von der sowjetischen Delegation ab und bat in Frankreich um politisches Asyl.

Auf sich allein gestellt und von der Presse belagert, versuchte Nurejew nun, so schnell wie möglich eine Anbindung an eine westliche Kompanie herzustellen. So unterschrieb er schon in der ersten Woche beim Ballett des Marquis de Cuevas ein maximal sechsmonatiges Engagement und tanzte vom 23. Juni bis zum 29. Juli im Théâtre des Champs-Élysées in Dornröschen mit Nina Wyrobowa. Die Kompanie trat im August zu einer Gala in Deauville an und setzte anschließend ihre Tournee durch Europa und Israel fort. Rosella Hightower und Yvette Chauviré waren Nurejews erste bekannte Tanzpartnerinnen im Westen. Zu einem längeren Engagement bei der privaten Kompanie war Nurejew indes nicht bereit, da er insgeheim hoffte, auf Dauer im Royal Ballet in London engagiert zu werden.

Durch Vermittlung älterer russischer Emigranten aus dem Umfeld der Ballets Russes begann Nurejew sich schnell mit den Unterschieden zum sowjetischen Stil vertraut zu machen, auch durch das Studium ihm unbekannter Rollen in westlichen Balletten. Entscheidend für seine weitere Entwicklung wurde die Begegnung mit dem damals bedeutendsten „danseur noble“ des Westens, Erik Bruhn, der zehn Jahre älter war und für viele Jahre sein engster Freund wurde. Er half Nurejew, seinen zunächst technisch noch ungeschliffenen, eher robusten Stil zu verfeinern.[7] Mit Bruhn trat Nurejew erstmals im Casino von Cannes im Januar 1962 auf.

Das legendäre Ballettpaar Nurejew/Fonteyn

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Mit einer Einladung der 19 Jahre älteren englischen Prima Ballerina Assoluta Margot Fonteyn, an einer Gala-Aufführung zu Ehren der Royal Academy of Dance am 2. November 1961 mitzuwirken, begann eine denkwürdige Partnerschaft. Ihren ersten gemeinsamen Auftritt hatten sie am 21. Februar 1962 im Royal Opera House in Covent Garden in einer beispielhaften Giselle-Aufführung, nach der das Paar vom applaudierenden Publikum 23 Mal vor den Vorhang zurückgerufen wurde.

Dieser Abend begründete die Partnerschaft Nurejews und Fonteyns, die zum „Traumpaar des Tanzes“ wurden. Das Debüt am Royal Opera House schuf eine Verbindung zum damals führenden Ballett-Ensemble Europas, die bis zum Ende von Nurejews Tanzkarriere hielt, ohne dass er je Mitglied des Royal Ballet wurde. Wegen der Weigerung der Direktion, ihm eine feste Solistenstelle zu geben, war er während seiner ganzen Laufbahn im Westen von Engagements in verschiedenen Häusern abhängig. Daher begann er seine Popularität wirtschaftlich mit eigenen Produktionen zu nutzen und sich selbst zum Markenzeichen seiner Kunst zu machen. Als erster Tänzer verlangte er hohe Einzelgagen, was bis dahin nicht üblich gewesen war.

Das klassische Repertoire Nurejews und Fonteyns umfasste insbesondere Werke der Romantik wie Petipas Schwanensee, Dornröschen, Der Nußknacker, Don Quichotte, Le Corsaire und Giselle. Nurejew erarbeitete im Westen erstmals seit den Ballets Russes und einer einzigen Vorkriegsaufführung des Sadler’s Wells Balletts unter Ninette de Valois eine Originalversion von Petipas und Tschaikowskis längstem und aufwendigstem Ballett, Dornröschen. In de Valois hatte Nurejew eine wichtige Förderin gefunden.

Auch Margot Fonteyn profitierte von der Verjüngung, die Nurejew für die Ballettwelt bedeutete. Die alternde Primaballerina, die mit 42 Jahren eigentlich am Ende ihrer Karriere angelangt und nicht mehr erste Wahl des Royal Ballet war, erlangte durch ihn einen Ruhm, der im Ballett des 20. Jahrhunderts beispiellos war.

Die Popularität von Nurejew/Fonteyn veranlasste 1963 den damaligen Chefchoreographen und späteren Direktor des Royal Ballet, Frederick Ashton, ein abendfüllendes Handlungsballett nach Alexandre Dumas’ Stück Die Kameliendame mit Musik von Franz Liszt für das Tänzerpaar zu choreographieren: Marguerite and Armand. Erst nach dem Tod Fonteyns und Nurejews wurde diese Choreographie mit Sylvie Guillem und Nicolas Le Riche erstmals wieder aufgeführt. Zu Fonteyns und Nurejews Lebzeiten galt die unausgesprochene Übereinkunft, sie niemals in anderer Besetzung einzustudieren.

Ein weiterer wichtiger Schritt war Sergei Prokofjews Romeo und Julia mit einer Choreographie aus der Sowjetunion, die Ashton am 9. Februar 1965 im Royal Opera House in London herausbrachte. Nach der Vorstellung applaudierte das Publikum 40 Minuten lang.

Weitere Produktionen

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Nurejew während eines Gastspiels im Opernhaus Zürich (1966)

Nurejew trat neben Fonteyn mit allen führenden Ballerinen des Westens sowie einigen bedeutenden sowjetischen Emigrantinnen auf. Seine Nussknacker-Produktion für das Royal Opera House Covent Garden im Jahr 1968 mit Merle Park als Clara beruhte auf einer sowjetischen Choreographie und galt als herausragend. Sie blieb auch in den späten 1970er Jahren Bestandteil des Repertoires dieser Kompanie. Mit Carla Fracci trat Nurejew in Giselle an der Opera di Roma und in seiner eigenen Nussknacker-Choreographie im Teatro alla Scala in Mailand auf. 1962 stellte er in London mit dem Royal Ballet die sowjetische Choreographie von Le Corsaire im Westen vor.

Im Jahr 1964 kam Nurejew nach Wien, wo er bis 1988 als Tänzer und Choreograph des Wiener Staatsopernballetts tätig war. 1966 brachte er seine Version von Dornröschen an die Mailänder Scala. 1971 kreierte Maurice Béjart für ihn und Paolo Bortoluzzi ein Ballett zu Gustav Mahlers Zyklus Lieder eines fahrenden Gesellen. 1972 ging Nurejew auf Veranlassung von Robert Helpmann nach Australien, wo er sein Regie-Debüt mit Don Quichotte gab. 1975 produzierte er Raimonda für die Bühne des American Ballet Theaters. Für Eva Evdokimova und das London Festival Ballet schuf er im selben Jahr eine neue Choreographie von Dornröschen.

1983 wurde Nurejew Direktor des Ballet de l’Opéra de Paris, das er leitete, in dem er tanzte und wo er junge Tänzer förderte, so das Ausnahmetalent Sylvie Guillem. Mit ihr als Partnerin tanzte er viele klassische Partien und hob sie in der Produktion von Cinderella im Jahr 1986 in den Rang einer „étoile“. Mit dem Ballet de l’Opéra schloss Nurejew am 8. Oktober 1992, wenige Monate vor seinem Tod, im Palais Garnier mit seiner letzten Großproduktion, La Bayadère, seine Reinterpretation und Neueinstudierung klassischer Ballette ab.

Seit seiner Emigration versuchte sich Nurejew auch immer wieder im modernen Tanz, unter anderem mit dem niederländischen Nationalballett und Werken zeitgenössischer Choreographen, darunter George Balanchine, Hans van Manen, Glen Tetley, Roland Petit und Martha Graham.

Neben dem Ballett war Nurejew auch in anderen künstlerischen Bereichen tätig. 1969/1970 starteten die Arbeiten an dem biografischen Spielfilm Nijinski[8] nach einem Drehbuch von Edward Albee. Nurejew sollte darin den berühmten Tänzer Vaslav Nijinsky verkörpern, die französische Schauspielerin Claude Jade dessen Ehefrau, Romola de Pulszky, und Paul Scofield den Tänzer Sergej Djagilew. Die Regie führte Tony Richardson, doch legte der verantwortliche Filmproduzent, Albert Broccoli, das Vorhaben, in dem es vor allem um Nijinskis Homosexualität ging, auf Eis.[9]

Während der 1970er Jahre erschien Nurejew mit mäßigem Erfolg in mehreren Spielfilmen und bereiste die USA mit einer Wiederaufführung des Broadway-Musicals The King and I. 1976 spielte er Rudolph Valentino in Ken Russells Film Valentino, 1977 war er Gaststar in der Muppet Show (2. Staffel).

Da er nach seiner Flucht aus dem Osten staatenlos wurde und die damit verbundenen bürokratischen Hürden ihm das Reisen erschwerten, wurde Nurejew auf Vermittlung des Wiener Ballettdirektors Gerhard Brunner im Jahr 1982 die österreichische Staatsbürgerschaft zuerkannt.

Von 1961 bis 1986 war der Tänzer Erik Bruhn (1928–1986) Nurejews Lebensgefährte. Von 1979 bis 1993 war Nurejew dem Tänzer Robert Tracy eng verbunden.

Nurejew-Grab auf dem russischen Friedhof in Sainte-Geneviève-des-Bois bei Paris

Nurejew infizierte sich vermutlich in den frühen 1980er Jahren mit dem HI-Virus und starb im Alter von 54 Jahren an den Folgen. Sein Sarg wurde öffentlich aufgebahrt, und am 12. Januar 1993 wurde Nurejew seinem letzten Willen entsprechend auf dem Russischen Friedhof von Sainte-Geneviève-des-Bois bei Paris beigesetzt. Das außergewöhnliche Grabmal, das mit einem kelim-ähnlichen Mosaik bedeckt ist, schuf im Jahr 1996 der italienische Bühnenbildner Ezio Frigerio.

Der französische Kulturminister Jack Lang ernannte Nurejew zum Ritter des Ordre des Arts et des Lettres. Im Jahr 1998 wurde in Wien-Donaustadt (22. Bezirk) die „Rudolf-Nurejew-Promenade“ eingeweiht.

Nurejews Wirkung

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Nurejew in Zürich (1966)

Nurejew bewirkte eine Wiederbelebung des klassischen Repertoires im Westen. Er frischte die sowjetischen Choreographien der großen klassischen Ballette mit seinen Änderungen auf. Dabei begünstigte er auch eine stärker an technischer Virtuosität orientierte Auffassung der Rollen, so im romantischen Ballett Giselle, in der vorher das mimisch-schauspielerische Moment hervortrat.

Nurejews Bühnenpräsenz gab dem männlichen Part, der im sowjetischen Ballett mit virtuosen Bravoursolos einen athletischeren Tänzertyp erforderte, mehr Gewicht. Damit wandelte sich auch das auf Ballerinen zugeschnittene lyrische Ballett zu einem Typus, in dem der Solotänzer eine gleichberechtigte Rolle spielte und nicht mehr nur als Pas-de-deux-Partner der Tänzerin fungierte.

Nurejew als Gegenstand von Film, Literatur und Kunst

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Der irisch-amerikanische Autor Colum McCann setzte Nurejew in seiner Romanbiografie Der Tänzer ein literarisches Denkmal. Der deutsch-französische Bildhauer und Graphiker Arno Breker zeichnete 1974 in Paris Nurejew, der ihm Modell stand, mit zwei Lithographien, die Marc Chagalls Meisterdrucker, Fernand Mourlot, abzog. Der amerikanische Fotograf Richard Avedon machte unmittelbar nach Nurejews Ankunft in Paris Aufnahmen von ihm.

Im Juli 2017 sollte ein Ballett über Nurejew im Bolschoi-Theater uraufgeführt werden, das von Kirill Serebrennikow gemeinsam mit dem Choreographen Juri Possochow inszeniert wurde. Der Direktor des Theaters, Vladimir Urin, entschied sich drei Tage vor der Uraufführung zur Absetzung der Produktion, ehe das Stück Ende desselben Jahres doch noch am Bolschoi aufgeführt werden konnte. Das Stück lief am Bolschoi bis 2023, als auf politischen Druck hin und wegen eines neuen russischen Gesetzes, das die positive Darstellung von Homosexualität unter Strafe stellt, aus dem Programm genommen wurde.[10]

Im Jahr 2018 hatte The White Crow von Regisseur Ralph Fiennes auf dem Telluride Film Festival Premiere. Der Film hat die dramatische Flucht Nurejews in den Westen zum Thema. Der ukrainische Tänzer Oleg Iwenko spielt darin Nurejew und Fiennes dessen Ballettmeister, Alexander Puschkin.[11]

2024 widmeten die Pet Shop Boys ihr Lied und Video Dancing Star Rudolf Nurejew, den sie damit auch einem jüngeren Publikum bekannt machten.

Im April 2025 wurde das Stück Nurejews Hund von Peter te Nuyl mit Musik von Keren Kagarlitsky und basierend auf der Novelle von Elke Heidenreich an der Volksoper Wien uraufgeführt.[12][13]

  • Nurejew – The White Crow (The White Crow). Spielfilm, Großbritannien 2018, 122 Min. Mit Oleg Iwenko. Regie: Ralph Fiennes.
  • Rudolf Nurejew. Der Sprung in die Freiheit. (OT: Rudolf Nureyev – Dance to Freedom.) Dokumentarfilm mit Spielszenen, Großbritannien, 2015, 90 Min. (Originalversion), 60:10 Min., Buch und Regie: Richard Curson Smith, Produktion: IWC Media, Absinthe Film, BBC, ZDF, deutsche Erstsendung: 31. August 2016 bei arte, Inhaltsangabe von ARD; mit Artem Ovcharenko[14], dem Ersten Tänzer (Primoballerino) im Bolschoi-Ballett als Rudolf Nurejew.
  • Nurejew – From Russia with Love. Dokumentarfilm, Großbritannien, Russland 2007, 89 Min., Buch und Regie: John Bridcut, Produktion: BBC, ZDF, arte, deutsche Erstausstrahlung: 17. März 2008, Inhaltsangabe von arte, (Memento vom 28. Juli 2010 im Internet Archive).
  • Hommage an Rudolf Nurejew – Ausschnitte. Dokumentarfilm, Frankreich 2002, 26 Min., Regie: Denis Caïozzi, Produktion: arte, Erstausstrahlung: 25. September 2004, Inhaltsangabe von arte, (Memento vom 13. August 2010 im Internet Archive).
  • Rudolf Nurejews ,Schwanensee‘. Dokumentarfilm, Deutschland 2023, Regie: Anne-Kathrin Peitz, Produktion: arte, Erstausstrahlung: 17. Dezember 2023.
  • Mein Traum, meine Geschichte – Rudolf Nurejew. Miniserie, Deutschland 2023, 24 Min. Mit Cooper Dillon. Regie: Marco Gadge. Erstveröffentlichung im SRF[15]
Commons: Rudolf Nurejew – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Erinnerungen an Rudolf Nurejew. «Wer sonst, wenn nicht ich?» In: NZZ. 6. Januar 2003.
  2. Rudolf Nureyev Foundation: Biography – Childhood in Russia.
  3. Jennifer Dunning: Love Lost and Fame Gained for a Young Nureyev. In: New York Times. 29. August 2007.
  4. Rudolf Nureyev: The Life by Julie Kavanagh. (Memento vom 11. Januar 2012 im Internet Archive). In: London Review of Books. 29. November 2007.
  5. Obituaries: Ninel Kurgapkina. In: Daily Telegraph. 15. Mai 2009.
  6. Matthew Gurewitsch: The Nureyev Nobody Knows, Young and Wild. In: New York Times. 26. August 2007.
  7. Clive Barnes: Attitudes – About Russian dancer Rudolf Nureyew. (Memento vom 8. Juli 2012 im Webarchiv archive.today) In: Dance Magazine. August 2003.
  8. Rudolf Chametowitsch Nurejew bei IMDb
  9. (Nurejew, The Life, Julie Kavanagh) (Edward Albee: A Singular Journey: A Biography, 2013)Google Books
  10. Репертуар Большого театра. 17. Juni 2021, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 17. Juni 2021; abgerufen am 19. April 2023.
  11. The White Crow in der Internet Movie Database
  12. Nurejews Hund. In: volksoper.at. Abgerufen am 29. April 2025.
  13. Helmut Ploebst: Die Volksoper ist auf "Nurejews Hund" gekommen – für die ganze Familie. In: DerStandard.at. 28. April 2025, abgerufen am 29. April 2025.
  14. Artem Ovcharenko. (artemovcharenko.com [abgerufen am 12. Januar 2018]).
  15. SRF school - Mein Traum, meine Geschichte - Rudolf Nurejew - Play SRF. Abgerufen am 19. Dezember 2023.