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Jessie Stephen

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Jessie Stephen

Jessie Stephen (* 19. April 1893 in Marylebone, London; † 12. Juni 1979 in Bristol) war eine englisch-britische Suffragette, Arbeitsaktivistin und Politikerin.[1]

Stephen war das älteste der elf Kinder des Schneiders Alexander Stephen und seiner Frau Jane Miller. Die Familie zog nach Edinburgh, dann nach Dunfermline, bevor sie sich 1901 in Glasgow niederließ, als der Vater dort Arbeit bei der Co-operative Society fand.[1] Sie besuchte kirchliche und sozialistische Sonntagsschulen und erhielt eine Ausbildung an der North Kelvinside School.[2] Mit vierzehn gewann sie ein Stipendium zur Ausbildung als Lehramtsanwärterin,[3] musste jedoch ein Jahr später die Schule verlassen und als Dienstbotin arbeiten, weil ihr Vater vorübergehend arbeitslos war.[4]

Stephen trat der Independent Labour Party (ILP) bei, in der auch ihr Vater seit Anfang an dabei war,[5] und wurde im Alter von sechzehn Jahren stellvertretende Vorsitzende der Parteiorganisation in Maryhill. Etwa in den Jahren 1911/1912 gründete sie die Scottish Federation of Domestic Workers. Sie organisierte ihre Kolleginnen zunächst durch Treffen auf der Straße und später in einem Tea Room. Die Organisation fusionierte schließlich 1913 mit der in London ansässigen Domestic Workers’ Union of Great Britain and Ireland.[6]

Ebenfalls bereits 1909 wurde sie militante Suffragette und trat der Women’s Social and Political Union (WSPU) bei.[7] Stephen war das jüngste Mitglied der WSPU-Delegation aus Glasgow, die 1912 dem Schatzkanzler David Lloyd George gegenübertrat[3], und sie nahm im Februar 1913 in Glasgow am ersten der sogenannten „Scottish Outrages“ teil, die Angriffe auf Briefkästen beinhalteten.[2][8] Ihre Arbeit als Dienstmädchen kam ihr bei diesen Angriffen zugute, wie sie in einem Interview mit dem Histroiker Brian Harrison 1975 erklärte:

I was able to drop acid into the postal pillar boxes without being suspected, because I walked down from where I was employed in my cap, muslin apron and black frock […] nobody would ever suspect me of dropping acid through the box.

„Ich konnte Säure in die Briefkästen gießen, ohne verdächtigt zu werden, weil ich von meinem Arbeitsplatz in meiner Haube, meiner Musselin-Schürze und meinem schwarzen Kleid hinunterging […] niemand hätte je vermutet, dass ich Säure in den Kasten kippe.“

Jessie Stephen[9]

Stephen wurde von Sylvia Pankhurst für die von ihr Anfang 1914 von der WSPU abgespaltete East London Federation of Suffragettes (ELFS) angesprochen. Pankhurst wollte eine ausdrücklich sozialistische Organisation, die sich mit weitergehenden Fragen als dem Frauenwahlrecht befasste, ausgerichtet an der ILP und in der Arbeiterklasse. Außerdem wollte sie den Schwerpunkt auf kollektive Arbeiteraktionen legen, nicht auf individuelle Angriffe auf Eigentum.[10] Stephen zog daraufhin nach London,[1] wo sie 1916 zusammen mit Emma Boyce zu einem der aktivsten Mitglieder der dann in Workers’ Suffrage Federation umbenannten Organisation wurde.[11] Im April 1919 gehörte Stephen zu den Rednerinnen, die vor einer großen Menschenmenge auf dem Trafalgar Square gegen die Blockade Deutschlands sprachen.[4] Weitere Rednerinnen waren Emmeline Pethick-Lawrence und Theodora Wilson Wilson.[4] Sie war außerdem aktives Mitglied der Women’s Peace Crusade und sprach auf einer ILP-Konferenz 1920 gegen den Einsatz von Gewalt bei den Ereignissen, die dem Vertrag zur Gründung der UdSSR vorausgingen.[12]

n den 1920er Jahren besuchte sie die Vereinigten Staaten, hielt öffentliche Versammlungen mit Einwanderergemeinschaften aus Schottland und Wales ab und sammelte Spenden für die Socialist Party of America. Sie besuchte auch Vancouver, wo sie englische Migrantinnen in der Hausarbeit dazu ermutigte, sich gewerkschaftlich zu organisieren.[1]

Stephen wurde 1922 zur Labour-Gemeinderätin für den Wahlkreis Bermondsey gewählt, nachdem sie nicht als Parlamentskandidatin für die ILP nominiert worden war,[3] und arbeitete für den Bermondsey-Abgeordneten Alfred Salter.[2] Sie kandidierte als Labour-Kandidatin für den Wahlkreis Portsmouth South bei den Parlamentswahlen 1923, 1924 und 1929 sowie für Kidderminster im Jahr 1931.[2][13]

Ab 1924 arbeitete sie als freie Journalistin, gründete 1935 eine Sekretariatsagentur in Lewes und trat 1938 der National Union of Clerks bei. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie für Rundfunkgerätehersteller Murphy Radio in Welwyn Garden City.[1][2]

1944 wurde Stephen zur ersten weiblichen Bezirksorganisatorin der National Clerical and Administrative Workers’ Union für Südwales und Westengland ernannt und zog nach Bristol. Sie arbeitete außerdem in einer Filiale der Co-operative Wholesale Society (CWS) und wurde später Vorsitzende des lokalen CWS-Verwaltungsausschusses.[1] Sie wurde in den Stadtrat von Bristol gewählt. 1952 wurde sie die erste weibliche Präsidentin des Bristol Trades Council und erhielt 1955 das Goldabzeichen der Gewerkschaftsdachgesellschaft Trades Union Congress.[14][15]

Bei der Parlamentswahl 1964 kandidierte sie für die Labour Party im Wahlkreis Weston-super-Mare.[2] Im Juni 1977 wurde sie für ihre „Verdienste um die Gewerkschaftsbewegung“ zur Member of the Order of the British Empire ernannt.[16]

In ihren späteren Lebensjahren erblindete Stephen.[17] Sie starb 1979 im Bristol General Hospital an einer Lungenentzündung und Herzversagen.[1]

Blue plaque für Stephen in Bedminster, Bristol

Stephens Leben wird durch eine Blue Plaque an ihrem ehemaligen Wohnhaus in Bedminster, Bristol, gewürdigt.[14] Am 10. November 1995 richtete die Sozialdemokratische Partei Europas in Bristol zum Gedenkan an sie die erste Jessie-Stephen-Gedenkvorlesung unter dem Titel „Frauen in der europäischen Politik“ aus.[1]

Jessies unveröffentlichte Autobiografie Submission is for Slaves ist in der Working Class Movement Library in Salford verfügbar. Der Historiker Brian Harrison führte im Juli 1977 ein Oral-History-Interviews mit Stephen im Rahmen des Suffrage-Interviews-Projekts Oral evidence on the suffragette and suffragist movements: the Brian Harrison interviews.[18] Stephen spricht darin über den Einfluss ihres Vaters, ihre Aktivitäten bei der WSPU, der ELFS, der National Federation of Women Workers, der National Union of Clerks, der Women’s Co-operative Guild und der Workers’ Birth Control Group sowie über ihr Engagement mit Sylvia Pankhurst.[2]

Sie ist außerdem Gegenstand eines kurzen Animationsfilms, der im Rahmen des Vote 100-Projekts der Glasgow Women’s Library entstand.[19]

Commons: Jessie Stephen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. a b c d e f g h Audrey Canning: Stephen, Jessie (1893–1979). In: H. C. G. Matthew und Brian Harrison (Hrsg.): Oxford Dictionary of National Biography. Oxford 23. September 2004, doi:10.1093/ref:odnb/54411.
  2. a b c d e f g Stephen, Miss Jessie. In: 8SUF/B/157. London School of Economics and Political Science, 1. Juli 1977, abgerufen am 17. Dezember 2025.
  3. a b c Elizabeth Crawford: The Women's Suffrage Movement: A Reference Guide 1866–1928. Routledge, London 2001, ISBN 978-0-415-23926-4, S. 653.
  4. a b c Jill Liddington: The Road to Greenham Common: Feminism and Anti-Militarism in Britain Since 1820. Syracuse University Press, Syracuse, NY 1989, ISBN 978-0-8156-2539-1, S. 111 (google.com): Unfortunately for my dreams, unemployment became worse so there was nothing for it but to leave [scholarship as a pupil teacher].
  5. Leah Leneman: The Scottish Suffragettes. National Museums of Scotland, Edinburgh 2000, ISBN 978-1-901663-40-2, S. 54.
  6. Laura Schwartz: «What we think is needed is a union of domestics such as the miners have»: The Domestic Workers' Union of Great Britain and Ireland 1908–14. In: Twentieth Century British History. Band 25, Nr. 2, Juni 2014, S. 173–198, doi:10.1093/tcbh/hwt028.
  7. Esther Breitenbach und Eleanor Gordon (Hrsg.): Out of Bounds: Women in Scottish Society, 1800–1945. Edinburgh University Press, Edinburgh 1992, ISBN 978-0-7486-0372-5, S. 186.
  8. Elspeth King: The Scottish Women's Suffrage Movement. In: Esther Breitenbach und Eleanor Gordon (Hrsg.): Out of Bounds: Women in Scottish Society, 1800–1945. Edinburgh University Press, Edinburgh 1992, ISBN 978-0-7486-0372-5, S. 121–50.
  9. Elspeth King: The hidden history of Glasgow's women. Mainstream Publishing, 1993, S. 125–6.
  10. Mary Davis: Sylvia Pankhurst: A Life in Radical Politics. Pluto Press, Sterling, VA 1999, ISBN 0-7453-1518-6.
  11. Aleš Skřivan, Arnold Suppan, Roman Kodet, Richard Lein und Lukáš Novotný: Prague Papers on History of International Relations. Institute of World History, Charles University, Prag 2009, S. 322.
  12. une Hannam und Karen Hunt: Socialist Women: Britain, 1880s to 1920s. Psychology Press, London 2012, ISBN 978-0-415-14220-5, S. 188.
  13. F. W. S. Craig: British parliamentary election results 1918–1949. 3. Auflage. Parliamentary Research Services, Chichester 1983, ISBN 0-900178-06-X, S. 219 (Erstausgabe: 1969).
  14. a b List of Blue Plaques in Bristol. Bristol City Council, archiviert vom Original am 14. Januar 2013; abgerufen am 17. Dezember 2025.
  15. Elizabeth Ewan, Rose Pipes, Jane Rendall und Siân Reynolds (Hrsg.): The New Biographical Dictionary of Scottish Women. 2. Auflage. Edinburgh University Press, Edinburgh 2018, ISBN 978-1-4744-3627-4.
  16. Supplement to The London Gazette, 11th June 1977. In: The London Gazette. Nr. 47234, Juni 1977, S. 7099 (london-gazette.co.uk).
  17. Jean Corston: Suffragette and Activist Jessie Stephen: A Life Remembered. UK Vote 100, 2. März 2018, abgerufen am 17. Dezember 2025.
  18. Gilian Murphy: The Suffrage Interviews. London School of Economics and Political Science, abgerufen am 17. Dezember 2025.
  19. Vote 100: The Films. Glasgow Women's Library, archiviert vom Original am 30. August 2023; abgerufen am 17. Dezember 2025.