Henrietta Leslie


Henrietta Leslie, eigentlicher Name Gladys Henrietta Raphael, verheiratete Mendl und Schütze (* 6. Juli 1884 in London; † 19. Juli 1946 in Bern, Schweiz) war eine englisch-britische Suffragette, Autorin und Journalistin.[1]
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Leslie wurde 1884 in London in eine assimilierte jüdische Familie hineingeboren. Ihr Vater, Arthur Lewis Raphael, war spielsüchtig und starb, als sie noch ein Kind war. Er war zuvor aus dem einträglichen Familienunternehmen ausgeschlossen worden, doch nach seinem Tod kümmerte sich die erweiterte Familie um Leslie und ihre Mutter Marianna Floretta, geborene Moses. Ihre Mutter, die in London und Paris lernte, wurde später als Malerin „Mary F. Raphael“ bekannt.[2] Über ihren Lehrer Solomon Joseph Solomon entstand ein Gemälde von Leslie als Kind. Leslie wurde weitgehend der Obhut von Gouvernanten überlassen. Als Kind erlitt sie eine Hüftverletzung, die sie ihr Leben lang beeinträchtigte. Sie legte zudem früh für sich fest, dass sie Pazifistin sei und dem jüdischen Glauben nicht folgen wolle.
1902 ging sie eine unglückliche Ehe mit einem Getreidehändler namens Louis Mendl ein. Ihr Ehemann war bereits vor der Hochzeit verschwägert mit ihr. Bis 1910 war ihre Ehe gescheitert.
1906 lernte sie die Women’s Social and Political Union (WSPU) und wurde trotz ihrer pazifistischen Grundeinstellung Suffragette. Sie wurde Schriftstellerin und veröffentlichte 1911 The Roundabout[3] und The Straight Road.[4]
1913 heiratete sie erneut, diesmal Harrie Leslie Hugo Schütze, einen Bakteriologen und ebenfalls Unterstützer des Frauenwahlrechts. Die Ehe war glücklich. Leslie mochte Demonstrationen für das Frauenwahlrecht nicht, fühlte sich jedoch verpflichtet, daran teilzunehmen. Sie wäre beinahe verhaftet worden, doch ihr Ehemann rettete sie. Das Paar stand Emmeline Pankhurst nahe, die einmal eine Ansprache von ihrem Balkon aus hielt, während sich unten die Polizei aufhielt und sie deren rund zwanzigköpfige Gefolgschaft beherbergten. Leslie transportierte verdeckte Nachrichten für die Suffragetten.
Bei einem Protest vor dem Buckingham Palace wurde sie von einem Polizeipferd getreten und verletzt. Diese Verletzung ließ die Hüftschädigung aus der Kindheit wieder aufbrechen. Sie wurde in das sogenannte „Comforts Cottage“ der Suffragetten in Edenbridge, Kent, gebracht und dort von den Schwestern Georgiana und Helen MacRae gepflegt und zur Erholung aufgenommen.[5]
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs verließ sie die WSPU, weil das von den Pankhursts mit der Regierunge vereinbarte Stillhalteabkommen zugunsten der Kriegsanstrengungen ablehnte. Leslie gründete eine Abspaltungsorganisation, die als Suffragettes of the WSPU bekannt wurde.[6] Aufgrund ihres Pazifismus und ihres deutschen Namens war sie vielfältiger Diskriminierung ausgesetzt. Ab 1916 veröffentlichte sie unter anderem deshalb neue Werke unter dem Namen „Henrietta Leslie“, unter dem sie bekannt geblieben ist. Zu ihrem Werk gehörten drei Theaterstücke und zwanzig Romane. Sie freundete sich mit Olive Schreiner an, die ähnlichen Anfeindungen ausgesetzt war. Leslie verarbeitete diese Erfahrungen in ihrem 1931 veröffentlichten Roman Mrs. Fischer’s War.[7]
Zwischen 1919 und 1923 arbeitete Schütze als Reporterin beim Daily Herald. Erneute Hüftprobleme zwangen sie dann, den Daily Herald zu verlassen, und sie reiste wann immer möglich in wärmere Klimazonen. Sie wurde ehrenamtliche Organisatorin des Save the Children Fund, ein Amt, das sie von 1924 bis 1933 innehatte. Sie unterstützte dessen Hilfe anfänglich für deutsche und österreichische Kinder, organisierte Wohltätigkeitsveranstaltungen und reiste 1928 nach Bulgarien, um über die Verhältnisse nach einem schweren Erdbeben zu berichten, veröffentlicht 1933 als Where East is West.
Im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs war sie schwankend zwischen ihrem Pazifismus und dem Unbehagen über die Appeasement-Politik. Bei Ausbruch des Krieges war das Ehepaar in den Vereinigten Staaten, kehrte aber zurück, um jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Schütze starb 1946 in einem Hospital in Bern, drei Wochen vor ihrem Ehemann.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Sofern nicht explizit anders angegeben folgt die Darstellung Elizabeth J. Morse: Schütze [née Raphael; other married name Mendl], (Gladys) Henrietta [pseud. Henrietta Leslie] (1884–1946). In: H. C. G. Matthew und Brian Harrison (Hrsg.): Oxford Dictionary of National Biography. Oxford 23. September 2004, doi:10.1093/ref:odnb/71774.
- ↑ Elree I. Harris und Shirley R. Scott: A Gallery of Her Own: An Annotated Bibliography of Women in Victorian Painting. Taylor & Francis, London 1997, ISBN 978-0-8153-0040-3, S. 57 (google.com).
- ↑ Gladys Mendl: The Roundabout. G. Bell & Sons, London 1911.
- ↑ Gladys Mendl: The Straight Road. G. Bell & Sons, London 1911.
- ↑ Diane Atkinson: Rise Up, Women!: The Remarkable Lives of the Suffragettes. Bloomsbury, London 2018, ISBN 978-1-4088-4404-5, S. 298, 463 f.
- ↑ Elizabeth Crawford: The Women's Suffrage Movement: A Reference Guide 1866–1928. Routledge, London 2003, ISBN 0-7484-0379-5, S. 620.
- ↑ Henrietta Leslie: Mrs. Fischer’s War. Jarrolds, Peterborough 1931.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Leslie, Henrietta |
| ALTERNATIVNAMEN | Raphael, Gladys Henrietta (Geburtsname); Mendl, Gladys Henrietta (Ehename, erste Ehe); Schütze, Gladys Henrietta (Ehename, zweite Ehe) |
| KURZBESCHREIBUNG | englisch-britische Suffragette, Autorin und Journalistin |
| GEBURTSDATUM | 6. Juli 1884 |
| GEBURTSORT | England, Vereinigtes Königreich |
| STERBEDATUM | 19. Juli 1946 |
| STERBEORT | Bern, Schweiz |